Interview 19. Mai 2026

Interview mit Dr. Bärbel Günther: Finanzpsychologie, Fehlerkultur und Perfektionismus

Expertin erklärt Zusammenhang von Perfektionismus und Finanzen
Dr. Bärbel Günther Finanzpsychologin & Autorin
Im Interview beleuchtet Dr. Bärbel Günther die Dynamik zwischen Perfektionismus, Fehlerkultur und Handlungsoptionen im Finanzalltag.

C. Lindner

Wie äußert sich Perfektionismus bei Finanzentscheidungen?

Dr. Bärbel Günther

Finanzieller Perfektionismus äußert sich häufig darin, dass Betroffene erst dann handeln, wenn alle Details scheinbar geklärt sind. Dieses Verhalten kann zu Entscheidungsblockaden führen. Der Wunsch, Risiken vollständig auszuschließen, führt paradoxerweise oft zu Stillstand. Im Gegensatz dazu begünstigt eine akzeptierende Haltung gegenüber Unsicherheiten das Ergreifen neuer Chancen. Studien zeigen: Wer sich mit dem Gedanken an Unvollkommenheit anfreundet, gewinnt an Handlungsfreiheit.


C. Lindner

Welchen Stellenwert hat Fehlerkultur im Finanzkontext?

Dr. Bärbel Günther

Fehler werden im Finanzbereich traditionell als Bedrohung wahrgenommen. Die Angst vor Fehlentscheidungen verstärkt die Tendenz, Risiken zu vermeiden. Doch Fehler sind unvermeidlich und liefern wichtige Hinweise für zukünftige Anpassungen. Eine offene Fehlerkultur ermöglicht es, aus Misserfolgen zu lernen und neue Lösungswege zu entwickeln. Teams profitieren besonders von regelmäßigen Review-Formaten, in denen Fehlentscheidungen konstruktiv reflektiert werden.


C. Lindner

Welche Methoden sind besonders hilfreich?

Dr. Bärbel Günther

Erfahrungsberichte zeigen, dass strukturierte Selbstreflexion die größte Wirkung erzielt. Methoden wie Journaling, Peer-Austausch und Mini-Reviews helfen, Muster zu erkennen und bewusst neue Routinen zu entwickeln. Der Fokus sollte auf kleinen, konsistenten Schritten liegen. So entsteht nach und nach mehr Gelassenheit im Umgang mit finanziellen Themen.


C. Lindner

Welche Rolle spielt Peer-Austausch bei Veränderungsprozessen?

Dr. Bärbel Günther

Ein wichtiger Hebel ist der Austausch in geschützten Gruppen. Hier können Erfahrungen geteilt und Unsicherheiten entdramatisiert werden. Die Begleitung durch Fachleute oder der Einblick in anonymisierte Praxisbeispiele stärken das Vertrauen in den eigenen Prozess. Fortschritt entsteht nicht durch einmalige Maßnahmen, sondern durch kontinuierliche, bewusste Entwicklung.